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Montagsstatistik (3): Gesundheitsausgaben

Österreich besitzt eines der besten Gesundheitssysteme weltweit, in Fortsetzung der letzten Montagsstatistik geht es heute um die Auswirkung von 7 Jahren FPÖVP auf die Gesundheitsbudgets. Diese Grafik zeigt die Entwicklung der unterschiedlichen Ausgaben für Gesundheit zum Basisjahr 1997.

Gesundheitsausgaben BIP

Was sofort ins Auge sticht: Die öffentlichen Investitionen ins Gesundheitssystem fallen innerhalb von 3 Jahren um ein Drittel oder 200 Mio. Euro pro Jahr (1999: 818 Mio, 2003: 611 Mio).

An diesem Beispiel zeigt sich vortrefflich, dass der Satz “Schulden belasten die kommenden Generationen” sich ins genaue Gegenteil verkehrt, wenn zum Zweck des Schuldenabbaus die Investitionen zurückgefahren werden. Denn die Investitionen kann “man sich nicht sparen”, sie werden in umso größerem Ausmaß von den umsorgten “kommenden Generationen” getragen werden müssen.

Montagsstatistik (2) Staatsausgaben 1995-2006

Das “schwarzblaue Experiment” ist zu Ende - aber hat es Spuren hinterlassen?  Es gibt viele Möglichkeiten diese Frage zu beantworten. Einen sehr allgemeinen Einblick bietet die dieswöchige (leider nicht sehr übersichtliche) Montagsstatistik:
Staatsausgaben nach Funktion

(Quelle: Statistik Austria)

Das Diagramm zeigt, wie sich die Staatsausgaben nach Aufgaben (sog. COFOG Aufteilung) im Vergleich zum BIP zwischen 1995 und 2006 zum Basisjahr 2000 entwickelt haben. Was zeigt sich?

  •  Sowohl die große Koalition als auch FPÖVP haben die Staatsausgaben zurückgeschraubt. Von 56% des BIP 1995 auf 53,2% (1999) bzw. 49,3% (2006). Um 2006 den  BIP-Anteil von 1995 auszugeben, müssten die Staatsausgaben um 17 Milliarden Euro erhöht werden.
  • Doch woher 17.000.000.000€ nehmen? Eigentlich lautet die korrekte Frage: Welche Bereiche haben verloren? Wenn die BIP-Anteile von 1995 konstant geblieben wären, hätten im Jahr 1999
    • 1 Mrd. mehr für Allg. Verwaltung
    • 750 Mio. mehr für wirtsch. Angelegengeiten
    • 1,9 Mrd. mehr für Umweltschutz
    • 250 Mio. mehr für Wohnen und kommunale Einrichtungen
    • 650 Mio. mehr für Bildung und
    • 1,1 Mrd. mehr für Soziale Sicherung ausgegeben werden müssen.
  • Nun zur Abbaubilanz von FPÖVP: Hätte die Regierung die Anteile am BIP vom Jahr 2000 konstant gehalten, hätte sie im Jahr 2006
    • 3,5 Mrd. mehr für allg. Verwaltung
    • 2,5 Mrd. weniger für wirtschaftliche Angelegenheiten
    • 800 Mio. mehr für Wohnen und kommunale Einrichtungen,
    • 2 Mrd. mehr für Gesundheit und
    • 1,3 Mrd. mehr für Soziale Sicherung ausgeben müssen.

All diese Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen, die Zuordnung ist oft “unklar” - so konnte der Verwaltungsanteil alleine dadurch gesenkt werden, dass die Ausgaben für Universitätsbedienstete neuerdings dem Unibudget zugerechnet werden (was Sinn macht, nur eben obige Statistik verzerrt). Aber darüber mehr an einem der nächsten Montage. Schöne Woche!

Montagsstatistik (1) Bevölkerungsstruktur und Alter

Eine gute Woche beginnt mit einem guten Schuß Empirie – unter diesem Motto soll hier jede Woche eine Statistik zu einem bestimmten Thema vorgestellt und mal mehr, mal weniger ausführlich kommentiert werden. Passend zum ersten Mythos Generationenvertrag starten wir mit dem Thema Demografie.

Altersstruktur 1970-2075

Dieses Diagramm zeigt die Altersstruktur der österreichischen Bevölkerung zwischen 1970 und 2075. Ab 2007 wird die Hauptprognose der Statistik Austria, also das Mittel zwischen der „pessimistischsten“ und der „optimistischsten“ Prognose dargestellt. Die schwarze Linie zeigt den Versorgungsquotienten an, er gibt an wieviele Unter-15-Jährige und Über-65-Jährige von 100 Menschen im erwerbsfähigen Alter versorgt werden müssen.

In den letzten 35 Jahren waren zwischen 62% und 68% der ÖsterreicherInnen im erwerbsfähigen Alter, der Anteil der Jungen sank während jener der Alten leicht anstieg. Was sagt uns die Prognose für die Zukunft? Das hängt einzig und alleine von den Annahmen ab – in diesem Fall gehen die DemografInnen davon aus, dass die Lebenserwartung weiter leicht ansteigen wird und die Geburtenrate unverändert (niedrig) bleibt und die Zuwanderung ebenfalls konstant bleibt. Das kann eintreten. Wenn man sich ansieht, wie weit die DemografInnen in der Vergangenheit daneben gelegen sind, würde ich auf jeden Fall darauf wetten, dass das wieder der Fall sein wird. Aber dazu ein anderes Mal.

Wichtig zu erkennen ist meiner Meinung nach hier, dass der Versorgungsquotient bis 2075 im Vergleich zu 1970 nur unwesentlich höher sein wird. Mussten damals 100 Erwerbstätige für 63 Nicht-Erwerbstätige aufkommen, werden es 2075 nach dieser Prognose 69 sein.

Immer noch beunruhigt? Im Bezug auf den Generationenvertrag und die Finanzierbarkeit des Pensionssystems (Thema des ersten Mythos) ist die Altersstruktur nur gemeinsam mit der Produktivität aussagekräftig. Für das folgende Diagramm habe ich wie im letzten Beitrag ein durchschnittliches jährliches Produktivitätswachstum von 1,5% angenommen und alle Variablen zum Basisjahr 2007 mit dem Indexwert von 100 bewertet.

Altersstruktur 1970-2075 zum Basisjahr 2007 inkl. Produktivität

Selbst wenn die Produktivitätsgewinne weiterhin überproportional dem Faktor Kapital zukommen und wenig zum Sozialsystem beitragen: Es wird genug für alle da sein.

Überrascht? PolitikerInnen haben seit Beginn des neoliberalen Backclashes mit Unterstütung von ÖkonomInnen und sehr zur Freude der Finanzmärkte die Menschen verunsichert, offensichtlich sehr erfolgreich.

Mythos (1): Der Generationenvertrag kann nicht bestehen.

In der Rubrik „Evangelien und andere Mythen“ sollen jene Glaubenssätze, welche den vorherrschenden Interpretationsschemata der Ökonomie zufolge besonders wahr und richtig sind, als Mythos enttarnt werden. Die ersten Folgen befassen sich mit dem Generationenvertrag, ein wichtiges Forschungsgebiet für viele Sozialwissensschaften, auch die Ökonomie. Gerade die ÖkonomInnen haben mit ihren Vorschlägen dazu beigetragen, dass so lange am Pensionssystem herumgedoktort wird, bis das es tatsächlich nicht mehr funktionstüchtig ist.  Mythos 1: „Der Generationenvertrag ist in Gefahr, weil immer mehr Ältere von immer weniger Werktätigen erhalten werden müssen.“  Der Generationenvertrag besagt einfach gesagt, dass sich die älter werdende Generation darauf verlassen kann, dass die Jüngeren für ihren Lebensbedarf aufkommen werden. Diese wiederum können sich darauf verlassen, dass die nachkommende Generation die gleiche Leistung erbringt. Dieser Vertrag kann gar nicht aufhören, zu existieren – es sei denn, wir schicken die Alten in die Wüste oder in den Wald, wie es Albrecht Müller (sein Blog: www.nachdenkseiten.de) in seinem Buch „Die Reformlüge“ formuliert. Warum muss das so sein? Wenden wir uns der realen Wirtschaft zu, das heißt in Gütereinheiten und nicht in Geldkategorien zu denken: Wenn wir nicht die Euthanasie wiederauferstehen lassen wollen, wird die Generation im Ruhestand einen Teil des Kuchens an Lebensmitteln, Wohnraum, Kleidung, Dienstleistungen, etc., den die aktive Generation erwirtschaftet hat, konsumieren. Unabhängig vom der Form der Alterspyramide wird der Generationenvertrag erfüllt, weil alles was die PensionistInnen konsumieren von den Aktiven hergestellt werden musse. Die demographische Entwicklung ist ein Paradies für Mythen, denen noch eigene Beiträge gewidmet werden. Im Bezug auf das Pensionssystem ist die Demographie ein Faktor neben vielen anderen, viel wichtiger ist jedoch die Entwicklung der Produktivität.Die Produktivität ist deshalb so wichtig, weil sie neben der Größe des Kuchens (BIP) auch die Inputfaktoren Material und Arbeitszeit berücksichtigt.Eine Arbeitnehmerin, die heute 2.500€ brutto verdient, zahlt rund 20% oder 500€ für die heutigen PensionistInnen, ihr bleiben 2.000€. Wie wird sich das in den nächsten 50 Jahren ändern?

Das hängt natürlich von den Annahmen ab:     

• Durchschnittliches Produktivitätswachstum von 1,25% (im eher lauen letzten Jahrzehnt zwischen 1996 und 2006 durchschnittlich in Österreich 1,5%, Quelle: OECD-Stat).

• Steigerung der Zahlungen der Berufstätigen an PenionistInnen von 20% des Bruttolohns auf 30%.

• Nicht berücksichtigt: Späterer Pensionsantritt und Einsparungen durch weniger Kinder oder Rückgang der Arbeitslosigkeit.

 In 50 Jahren würde dieselbe Person real (d.h. zu heutigen Preisen, inflationsbereinigt) 4.650€ brutto verdienen und die PenionistInnen würden davon rund 1.400€ erhalten, bleiben 3.250€ netto – ein Plus von 60% des real verfügbaren Einkommens! 

Eine wichtige Annahme habe ich bis jetzt noch verschwiegen:     

• Die bisherige Rechnung beschreibt unsere vereinfachte Vorstellung von der Zukunft nur dann richtig, wenn die Lohneinkommen entsprechend der vollen Produkitivätssteigerung erhöht werden oder wenn die Kapitaleinkommen in der gleichen Höhe wie die Lohneinkommen zur Finanzierung herangezogen werden.

Das ist bzw. war in den letzten Jahren beides nicht der Fall (auch darüber ein anderes Mal). Aber siehe da, selbst wenn die ArbeitnehmerInnen nur die Hälfte des Produkitivitätswachstums (0,75%) für sich reklamieren können und die Beiträge auf 40% des Bruttolohns verdoppelt werden, steigt der reale Bruttolohn 2058 auf 3.600€, der Pensionsbeitrag auf 1.450€ und das Netto-Einkommen immer noch auf 2.180€ (+9% im Vergleich zum Jahr 2008). In den nächsten Folgen möchte ich versuchen, einen Blick hinter die Kulissen der Demographie zu werfen und die Systemfrage „Umlage- oder Kapitaldeckung“ aus ökonomischer Sicht zu behandeln.

Hello world!

In diesem Blog soll es um ökonomische PriesterInnen und ihre Heilslehren gehen – natürlich wird auch die ketzerische Seite zu Wort kommen. Aber was ist damit gemeint, was kann man als Leserin oder Leser erwarten?

Zum Nackten Kaiser …
Die Ökonomie ist eine von vielen Teildisziplinen der Sozialwissenschaften. Die Arbeitsteilung, wie sie einer der Gründungsväter der Ökonomie Adam Smith, eingefordert hat, hat auch die Wissenschaften seit langem erfasst. Unterschiedliche Disziplinen haben sich für unterschiedliche Untersuchungsgegenstände entwickelt. Der Soziologie kommt die Deutung der Gesellschaft zu, der Ökonomie die Deutung des Wirtschaftlichen, der Betriebswirtschaft die Erforschung von Unternehmen …

Engagiert und erfolgreich

Diese Disziplinen stehen einerseits in Konkurrenz zu einander: Jeder Betrag den eine Forschungsstätte oder Institution, beispielsweise in der Soziologie-Abteilung einsetzt, kann nicht für die Ökonomie-Abteilung verwendet werden. Andererseits sind die Wissenschaften zur Kooperation verdammt: Das liegt vor allem daran, dass – für Laien selbstverständlich – die Wirklichkeit sich nicht an die Grenzen der Disziplinen und schon gar nicht an die der Uni-internen Abteilungen hält. Zum anderen aber auch daran, dass man mit Methoden aus anderen Disziplinen große Fortschritte erzielen kann. Unter den sozialwissenschaftlichen Disziplinen erheben viele wenn nicht alle einen gewissen Vorherrschaftsanspruch, die Ökonomie scheint darin besonders engagiert bzw. erfolgreich.

Gott- oder marktgegeben

Das Bild des Nackten Kaisers ist geborgt oder viel mehr eine Referenz. Steven Keen, ein australischer Ökonomie-Professor, beschreibt in seinem Buch „Debunking Economics – the Naked Emperor of Social Sciences“ warum die Kleider mit denen sich die Ökonomie schmückt und ihren Vorherrschsftsanspruch legitimiert in Wirklichkeit durchsichtig sind. Er konzentriert sich in seiner niederschmetternden Kritik der (vorherrschenden neoklassischen Schule der) Ökonomie aber nicht auf die (notwendige) Kritik „Die Ergebnisse passen nicht zur Wirklichkeit“, sondern spricht den wirklich wunden Punkt an: Die Neoklassik begründet ihre Vorherrschaft mit der Ausgereiftheit ihres logisch-konstruierten Instrumentariums – Keen sagt „weitgefehlt“. Ist das eine Elfenbeinturm-Debatte? Mag sein, sie ist aber auf jeden Fall relevant. Wenn Meterologen das Wetter falsch vorhersagen, kümmert sich das Wetter nicht darum – die Wissenschaft hat keine Einfluss auf den Ausgang. Anders in den Sozialwissenschaften wie der Ökonomie. Es macht einen Unterschied, wie ÖkonomInnen die Welt verstehen. Es macht einen Unterschied, ob das menschliche Schicksal als gott- bzw. marktgegeben oder von Menschenhand geschaffen betrachtet wird.

Was heißt das für den Nackten Kaiser Blog? In der Serie „Evangelien und andere Mythen“ sollen die Glaubenssätze der Ökonomie und ihrer Schulen diskutiert und kritisiert werden.

Genauso von Menschen „gemacht“ ist die Ökonomie als Wissenschaft (über die Unzulänglichkeit der deutschen Sprache ein anderes Mal), sie vorzustellen ist ein zweites Ziel dieses Blogs.

Was heißt das für den Nackten Kaiser Blog? In der Serie „PriesterInnen und KetzerInnen“ sollen „WirtschaftsexpertInnen“ im Sinne der Massenmedien, im Sinne der akademischen Community und im Sinne der Politik protraitiert werden.

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