In der Rubrik „Evangelien und andere Mythen“ sollen jene Glaubenssätze, welche den vorherrschenden Interpretationsschemata der Ökonomie zufolge besonders wahr und richtig sind, als Mythos enttarnt werden. Die ersten Folgen befassen sich mit dem Generationenvertrag, ein wichtiges Forschungsgebiet für viele Sozialwissensschaften, auch die Ökonomie. Gerade die ÖkonomInnen haben mit ihren Vorschlägen dazu beigetragen, dass so lange am Pensionssystem herumgedoktort wird, bis das es tatsächlich nicht mehr funktionstüchtig ist. Mythos 1: „Der Generationenvertrag ist in Gefahr, weil immer mehr Ältere von immer weniger Werktätigen erhalten werden müssen.“ Der Generationenvertrag besagt einfach gesagt, dass sich die älter werdende Generation darauf verlassen kann, dass die Jüngeren für ihren Lebensbedarf aufkommen werden. Diese wiederum können sich darauf verlassen, dass die nachkommende Generation die gleiche Leistung erbringt. Dieser Vertrag kann gar nicht aufhören, zu existieren – es sei denn, wir schicken die Alten in die Wüste oder in den Wald, wie es Albrecht Müller (sein Blog: www.nachdenkseiten.de) in seinem Buch „Die Reformlüge“ formuliert. Warum muss das so sein? Wenden wir uns der realen Wirtschaft zu, das heißt in Gütereinheiten und nicht in Geldkategorien zu denken: Wenn wir nicht die Euthanasie wiederauferstehen lassen wollen, wird die Generation im Ruhestand einen Teil des Kuchens an Lebensmitteln, Wohnraum, Kleidung, Dienstleistungen, etc., den die aktive Generation erwirtschaftet hat, konsumieren. Unabhängig vom der Form der Alterspyramide wird der Generationenvertrag erfüllt, weil alles was die PensionistInnen konsumieren von den Aktiven hergestellt werden musse. Die demographische Entwicklung ist ein Paradies für Mythen, denen noch eigene Beiträge gewidmet werden. Im Bezug auf das Pensionssystem ist die Demographie ein Faktor neben vielen anderen, viel wichtiger ist jedoch die Entwicklung der Produktivität.Die Produktivität ist deshalb so wichtig, weil sie neben der Größe des Kuchens (BIP) auch die Inputfaktoren Material und Arbeitszeit berücksichtigt.Eine Arbeitnehmerin, die heute 2.500€ brutto verdient, zahlt rund 20% oder 500€ für die heutigen PensionistInnen, ihr bleiben 2.000€. Wie wird sich das in den nächsten 50 Jahren ändern?
Das hängt natürlich von den Annahmen ab:
• Durchschnittliches Produktivitätswachstum von 1,25% (im eher lauen letzten Jahrzehnt zwischen 1996 und 2006 durchschnittlich in Österreich 1,5%, Quelle: OECD-Stat).
• Steigerung der Zahlungen der Berufstätigen an PenionistInnen von 20% des Bruttolohns auf 30%.
• Nicht berücksichtigt: Späterer Pensionsantritt und Einsparungen durch weniger Kinder oder Rückgang der Arbeitslosigkeit.
In 50 Jahren würde dieselbe Person real (d.h. zu heutigen Preisen, inflationsbereinigt) 4.650€ brutto verdienen und die PenionistInnen würden davon rund 1.400€ erhalten, bleiben 3.250€ netto – ein Plus von 60% des real verfügbaren Einkommens!
Eine wichtige Annahme habe ich bis jetzt noch verschwiegen:
• Die bisherige Rechnung beschreibt unsere vereinfachte Vorstellung von der Zukunft nur dann richtig, wenn die Lohneinkommen entsprechend der vollen Produkitivätssteigerung erhöht werden oder wenn die Kapitaleinkommen in der gleichen Höhe wie die Lohneinkommen zur Finanzierung herangezogen werden.
Das ist bzw. war in den letzten Jahren beides nicht der Fall (auch darüber ein anderes Mal). Aber siehe da, selbst wenn die ArbeitnehmerInnen nur die Hälfte des Produkitivitätswachstums (0,75%) für sich reklamieren können und die Beiträge auf 40% des Bruttolohns verdoppelt werden, steigt der reale Bruttolohn 2058 auf 3.600€, der Pensionsbeitrag auf 1.450€ und das Netto-Einkommen immer noch auf 2.180€ (+9% im Vergleich zum Jahr 2008). In den nächsten Folgen möchte ich versuchen, einen Blick hinter die Kulissen der Demographie zu werfen und die Systemfrage „Umlage- oder Kapitaldeckung“ aus ökonomischer Sicht zu behandeln.